Neujahrsansprache

Der Vorsitzende der Evangelischen Kirchengemeinde Ratingen Jürgen Lindemann würdigte beim ökumenischen Neujahrsempfang die Zusammenarbeit von evangelischer und katholischer Kirchengemeinde und erinnerte an die gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung.

 

Die ganze Rede lesen Sie hier:

 

Ich beginne mit einem Zitat: „Mit Blick auf das evangelisch – katholische Miteinander ist das Reformationsjahr ein Jahr verpasster Chancen. In zentralen Sachen sind die Kirchen nicht weitergekommen, nicht bei der Abendmahlsgemeinschaft, nicht bei der Anerkennung der Ämter oder einer ökumenisch kompatiblen Rekonstruktion des Papsttums, dem Umgang mit Frauen, dem Verständnis der Sakramente.“ So ein Kommentar am 1. November in der Frankfurter Rundschau.

Wenn man erfolgreiche Ökumene so hoch ansetzt, mag das stimmen. Aber ist das der richtige Maßstab? Ich habe die praktische Ebene der Ökumene hier in Ratingen anders erlebt. Für mich hat sich hier in diesem Jahr viel getan. Das Reformationsjubiläum war kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander. An der Spitze der ökumenische Gottesdienst auf dem Marktplatz. Bei dem immer noch viele Personen leuchtende Gesichter bekommen, wenn sie davon erzählen. Die gemeinsame Predigt. Und wie offen konnten die Jugendlichen sich gegenseitig Vorurteile an den Kopf werfen. Aber es gab noch viele andere gemeinsame Punkte während des Jahres. Ein Gottesdienst am Reformationstag in Tiefenbroich, in dem der katholische Pfarrer die Predigt hielt. Ein gemeinsamer Gottesdienst zum Buß- und Bettag in West, bei dem der katholische Pfarrer die Verdienste von Luther pries, die Nacht der offenen Kirchen und vieles mehr. In den letzten Jahren war das ökumenische Regionaltreffen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung nur eine evangelische Angelegenheit. In diesem Jahr hat Herr Gassen von Peter und Paul wie selbstverständlich aktiv bei der Ausstellung „Frieden geht anders, aber wie“ im Dietrich - Bonhoeffer-Gymnasium mitgewirkt. Ich empfand es als ermutigend.

Aber ist diese gemeinsame Arbeit nicht bitter notwendig? Ist es nicht wichtiger als über die Gegensätze zu reden – was auch seinen Stellenwert hat – , gemeinsam anzustreben, dass die Menschen uns abnehmen, dass unser Glaube ihnen eine Stärkung auf ihrem Lebensweg in aller Verunsicherung sein könnte?

Einerseits sind die Zeiten längst vorbei, in denen es gesellschaftlich nahezu selbstverständlich war, einer Kirche anzugehören. Andererseits sind die Grenzen der Gestaltungsmöglichkeit des einzelnen Menschen heute viel deutlicher als noch vor 50 Jahren. Ich sage 50 Jahre, weil ich in diesem Jahr 50 Jahre Abitur feiere. Und ich mich frage, wie ist die Situation heutiger Abiturienten mit der von uns damals vergleichbar? Ich meine, dass damals alles in viel überschaubareren Bahnen verlief. Wer sich für einen Beruf entschied, hatte gute Chancen, ihn auch zu erhalten, und, so er es wollte, auch langfristig auszuüben. Und die Welt war kleiner, und gerade als 68iger hatten wir den Eindruck, in der Gesellschaft noch viel gestalten zu können. Heute kann man nach dem Studium oft froh sein, eine befristete Stelle zu bekommen. Und die Gefahr ist größer, dass man aufgrund der globalen Prozesse seinen Arbeitsplatz verliert, und man ist dann schlechter abgesichert als noch vor einigen Jahrzehnten. Und wer Arbeit hat, wird oft so in Anspruch genommen, dass er/sie sich überfordert und einen Burnout erleidet. Auf die einzelne Person strömt immer mehr ein etwa aufgrund moderner Medien. Die globalen Herausforderungen erscheinen immer mehr unlösbar. Einige sehnen sich zurück nach alten Zeiten, die es nicht mehr geben wird, und sie suchen Sündenböcke.

Wenn die Grenzen der Gestaltungsmöglichkeit des einzelnen Menschen immer deutlicher werden, dann müsste doch unser Glaube attraktiver werden. Früher gab es nach dem 2. Weltkrieg die Aussage, wenn es den Menschen schlecht geht, entdecken sie Gott wieder. Ich habe nicht den Eindruck, dass dies heute noch so ist. Warum erreichen wir die Menschen nicht so, wie wir dass gerne wollen? Warum habe ich nicht den Eindruck, dass die Menschen nach Gott dürsten, um die heutige Predigt aufzugreifen. Dem nachzugehen ist unsere gemeinsame Aufgabe. Und wenn ich dazu den Ratschlag höre, die Kirchen sollten sich nicht zu politischen Einzelfragen äußern, sondern um das Seelenheil kümmern, frage ich: Was heißt das? Wo ist der Unterschied? Bedeutet nicht Kümmern um das Seelenheil auch Strukturen und Entscheidungen zu kritisieren, die das Seelenheil des Menschen beeinträchtigen?

Weil ich diese unsere gemeinsame Aufgabe als so wichtig ansehe, ist das Trennende für mich nicht so zentral. Eine gemeinsame Kirche ist für mich kein wichtiges Anliegen. Die verschiedenen Zugänge können doch auch eine Chance bieten, auf verschiedenen Wegen Menschen zu erreichen.

Zum Abendmahl: Ich habe vor kurzem erfahren, dass bis in die 80iger Jahre es unterschiedliche Texte zum Abendmahl bei Lutherischen und Reformierten gab. Und noch heute ist das Abendmahlverständnis unterschiedlich. Bei den Reformierten ist es ein reines Erinnerungsmahl, bei den Lutherischen ist Jesus in irgendeiner Form dabei. Jeder und jede kann aber mit seiner/ihrer unterschiedlichen Vorstellung am Abendmahl in der Evangelischen Kirche teilnehmen. Und das wünsche ich mir, dass ich mit meinem Verständnis am Abendmahl in der Messe teilnehmen kann. Wir haben doch alle zum Abendmahlden gleichen Text im Evangelium. Ich gebe zu, ich kann das als Evangelischer wahrscheinlicher einfacher sagen als ein Katholik.

Ich wünsche uns allen ein segensreiches Jahr 2018, in dem wir behutsam, unsere Stärken einsetzend, uns nicht überfordernd, den gemeinsamen Weg ausbauen. Ich möchte schließen mit der Bibelstelle, die dies ausdrückt und wahrscheinlich Thema des gesamtgemeindlichen Gottesdienstes im September möglichst beim Rathausneubau sein soll: „Gott hat uns nicht den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit gegeben.“

Jürgen Lindemann

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