Kirche bekommt Flügel
Abschied und Neuanfang für die Eggerscheidter Klein-Kirche
Wie viele Leben hat eine Kirche? Das ist eine seltsame Frage. Für die kleine Dreieckskirche im „Dorf“, wie die Eggerscheidter liebevoll ihren Stadtteil nennen, passt sie dennoch. Denn sie wird nach der Demontage in den Monaten Mai-Juli anschließend im Freilichtmuseum Lindlar, also gar nicht weit weg zwischen Köln und Gummersbach, wieder aufgebaut und darf dort bleiben.
Für die als mobiles Denkmal eingestufte Kirche ist das allerdings schon der zweite Umzug. Deshalb kommt sie auf insgesamt drei Leben! Aber der Reihe nach.
In der kleinen und aktiven Gemeinde Bonn-Holzlar gab es Mitte der 1960er Jahre die Idee, selbstständig und eine eigene Gemeinde zu werden, mit „eigener“ Kirche. Man wusste, das kann dauern und entschied sich mutig für eine Zwischenlösung: für eine Fertigbaukirche aus dem Katalog. So was gab es damals. Die Landeskirche hatte dazu einen Wettbewerb für versetzbare Kleinkirchen ausgerufen, den der Wittlaerer Architekt Helmut Duncker – der auch die Friedenskirche in Ratingen-Ost entworfen hat – gewann.
Am 28. Mai 1967 wurde die Zeltkirche dann auf eigenem Grundstück in Holzlar eingeweiht. Bis dahin traf sich die ev. Gemeinde in der katholischen Volksschule. Von der zog man in feierlicher Prozession zur neuen Kirche. Es waren so viel Leute da, dass nicht alle reinpassten. Superintendent Klocke dankte der Gemeinde, so war es in der Bonner Zeitung zu lesen, „…dass sie sich so bescheiden gezeigt habe. Damit komme die Gemeinde dem Streben der Rheinischen Landeskirche entgegen, keine Gelder für den Bau von Kirchenpalästen zu verschwenden.“ Er sah aber durch die hohe Beteiligung ein, dass bald ein größere Kirche mit Pfarrhaus und Kindergarten nötig würde.
1975, also nach nur acht Jahren, darf die Kleinkirche Bonn verlassen, denn die neue, größere Kirche kommt. Aber wohin nun mit dem Kirchlein? Als sich man sich in Eggerscheidt jetzt am Osterfest mit viel Beteiligung aus der Gemeinde, dem Dorf und vielen Gästen aus Kirche, Politik und Bürgergesellschaft traf, konnte Superintendent i.R. Günter Arnold berichten, dass er damals als junger Pastor die Anzeige „Kirche zu verkaufen“ im kirchlichen Amtsblatt entdeckt und sofort den Kontakt aufgenommen hatte. Und schon bald hatten die Eggerscheidter ihre eigene, kleine Kirche im Dorf.
Zum Abschiedsgottesdienst jetzt waren über 120 Interessierte gekommen, saßen im Halbkreis auf dem Kirchplatz und blickten durch die weit geöffnete Kirchentür ins Innere der Kirche, aus der Musik mit Orgel, Klarinette und Gesang zu den Gästen und zu den Nachbarn gut hörbar drang.
Der Vorsitzende des Ratinger Presbyteriums, Pastor Thomas Gerhold, hatte zusammen mit Diakon Werner Geschwandtner und Prädikant Siegfried Pietzka den Gottesdienst vorbereitet, in dem reichlich Gäste zu Wort kamen und ein Koffer für Lindlar gepackt wurde. Gerhold legte die Eggerscheidter Bibel in den Koffer, Iris Born-Katzer vom Ökumene-Kreis packte die Osterkerze ein und Diakon Geschwandtner brachte eine kleine goldene Weihnachtskugel mit, weil diese in den letzten Jahren den Weihnachtsbaum im Gottesdienst geschmückt hatte. Antje Menn, die Vizepräses der Landeskirche, überbrachte die Grüße der Landeskirche und schenkte einen Vogel, der daran erinnert, dass man dem Wunder die Hand reichen soll wie einem Vogel. Sie betonte, dass der Umzug der Kirche ins Freilichtmuseum doch einem Wunder gleicht. Der stv. Bürgermeister Michael Droste hatte für Lindlar die Ratinger Ausgabe des Spiels „Mensch ärgere Dich nicht“ ausgesucht und empfahl bei Ärger erst mal eine Runde zu spielen. Marcel Freches vom Heimat- und Gartenverein schenkte das Eggerscheidter Wappen und Sellerie im Glas, das Gemüse, das in Eggerscheidt heiß geliebt wird und auf keinem Fest fehlen darf.
Pastor Thomas Gerhold erinnerte an den Projektanfang vor vier Jahren bei einem Treffen im Januarschnee vor der Kirche. Alle Beteiligten von damals waren zum Abschied gekommen: Dr. Jan Richarz, zu der Zeit Denkmalpfleger im Dienst der Stadt Ratingen, heute Dombaumeister am Aachener Dom, denn, so Gerhold „er hatte die Idee.“ Michael Kamp, Museumsleiter Lindlar, erkannte den Wert der Serienkirche für das Freilichtmuseum und hatte gleich den Impuls, den Förderverein des Museums mit ins Boot zu holen. Milena Karabaic, Dezernentin für Kultur und Denkmalpflege vom LVR in Köln, äußerte sich glücklich darüber, dass es gelungen sei, der Kirche Flügel zu verleihen und eine neue Heimat zu geben. Zuletzt dankte Gerhold dem Baukirchmeister Rainer Düwel, der – so der Pastor – immer an das Wunder geglaubt habe und auch in kritischen Phasen Optimist blieb.
Die Kirchengemeinde bedankte sich bei allen, die das Kirchlein mit Leben gefüllt haben. Es bleibt traurig, sich von einer Kirche verabschieden zu müssen. Es macht Hoffnung, dass das Gemeindeleben in Eggerscheidt mit Kreisen und Treffen im Seniorentreff und mit Gottesdiensten in der Halle des Garten- und Heimatvereins weitergeht.
Mit vielen Gesprächen bei Snacks und Schorle klang der Gottesdienst aus. Die Besucher erhielten als Erinnerung an diesen besonderen Tag kurz vor dem Höhepunkt des Osterfestes eine kleine Osterkerze mit dem Logo der Eggerscheidter Kleinkirche.
Und eins wurde schon beschlossen: Zur Einweihung in Lindlar will man gemeinsam mit einem Bus anreisen.
Der Koffer wird da sein!