Gemeindeseminar: Grenzen überschreiten

Grenzen überschreiten?!

Der wissenschaftliche und technische Fortschritt zeigen dem Menschen - mehr als jemals in der Geschichte - die Grenzen seines Lebens, seiner Existenz und seiner Welt. Doch mehr noch als das: Es eröffnen sich Wege, um viele dieser Grenzen zu hinterfragen, sie zu  überschreiten. Der Mensch steht davor, sich selbst und seine Umwelt nachhaltig verändern zu können und sich möglicherweise auch andere Planeten nutzbar zu machen. Dies kann am Menschenbild rühren, aber auch an den Säulen des globalen Zusammenlebens.

Teilweise sind diese Grenzüberschreitungen nicht bloße Optionen, sondern können existentiell notwendig werden. Dort, wo die Erde an ihre Grenzen stößt, wo sie eine immer weiter wachsenden Bevölkerung beheimaten und ernähren muss. Methoden der modernen Bio- und Gentechnik wie die Genschere eröffnen die Möglichkeit, neue Pflanzen zu erzeugen, die ertragreicher und genügsamer sind und sich an viele Lebensräume anpassen können. Ohne solche neuen Nahrungspflanzen wird es immer schwieriger werden, die Weltbevölkerung zu ernähren. Darüber hinaus können gentechnisch veränderte Mikroorganismen Rohstoffe für die Wirtschaft erzeugen, um endliche natürliche Ressourcen zu schonen.

Doch die Möglichkeiten bleiben nicht bei Pflanzen und Bakterien stehen, sie können auch auf Tiere und den Menschen selbst angewandt werden. Dies verspricht einerseits die Ausrottung von Seuchen und die Möglichkeit, vielerlei Krankheiten zu verhindern. Doch der Schritt, den Menschen noch nachhaltiger zu verändern, ist dann nicht mehr weit: Wird es möglich, die Evolution in die eigene Hand zu nehmen? Können wir bald selber den “neuen”, vollkommenen Menschen nach unserem Wunsch erzeugen - nicht mehr nach Gottes Ebenbild?

Was wird dann mit dem “klassischen” Menschen? Ist Leben, wie wir es heute kennen, nicht mehr opportun: Muss alles Leben einem neuen Bild folgen? So utopisch diese Fragen klingen mögen, stellen sie sich in bestimmten Aspekten schon heute: Mithilfe der Präimplantationsdiagnostik (PID) kann bereits im Erbgut ungeborenen Lebens nach genetischen Fehlern gesucht und “fehlerhafte” Embryonen gegebenenfalls aussortiert werdeen, bevor sie zu einem Baby heranwachsen. Gerade Menschen mit Behinderungen sehen d Seeies mit Sorge.

Ähnliches gilt für den finalen Lebensabschnitt. Die moderne Medizin kann Leben sehr weit zu verlängern, selbst wenn dies das Individuum vielleicht gar nicht mehr wünscht. Wieweit hat der einzelne Mensch - nicht nur vor diesem Hintergrund - das Recht, selbst zu entscheiden, wann sein Leben enden soll? Und welche Hilfe kann er oder sie auf diesem letzten Weg von der Gesellschaft beanspruchen?

Doch was kann der Mensch tun, wenn die Erde möglicherweise in absehbarer Zukunft nicht mehr in der Lage ist, das wachsende menschliche Leben zu tragen - zumal wenn er selbst die eigenen Lebensgrundlagen zerstört? Es gibt Überlegungen, durch gezielte Eingriffe etwa dem Klimawandel entgegenzusteuern und dem Menschen neue Lebensräume zu erschließen in Gebieten, die bisher lebensfeindlich waren: In der Arktis, in Wüsten, im und unter dem Meer. Diese Ansätze werden auch als Geoengineering bezeichnet. Dies muss keinesfalls bei unserem Planeten halt machen: Über Zeiträume von Jahrhunderten könnten auch unsere nächsten Nachbarn im Sonnensystem - der Mond oder der Planet Mars - so verändert werden, dass dort menschliches Leben möglich wird. Das Leben wäre nicht mehr auf die Erde begrenzt, die Zukunft läge auch abseits des blauen Planeten.

Eine ultimative Grenze ist die Eingeschlossenheit des Menschen in Raum und Zeit. Die moderne Astronomie, Astrophysik und Kosmologie weisen uns einen bescheidenen Platz im Kosmos zu; in den letzten Jahrhunderten sind wir vom Zentrum der Welt in die Peripherie des Kosmos gerückt. Die Naturwissenschaften zeigen den großen Rahmen auf, wie die zukunft unserer unmittelbaren kosmischen Heimat sein wird; gleichzeitig hindern die physikalischen Gesetze uns, diesem Raum zu entkommen. Welche Gesetze bestimmen unsere Entstehung und unsere Zukunft? Wie sind diese Gesetze entstanden, wurden sie “gemacht” - um das Leben einerseits möglich zu machen, andererseits aber auch, um den  Menschen zu beschränken?

Im Seminar “Grenzen überschreiten?!” werden beispielhaft an vier Themenblöcken Grenzen aufgezeigt sowie Chancen, Risiken und Konsequenzen diskutiert, die das Überschreiten dieser Grenzen in sich bergen. Beleuchtet werden sowohl die naturwissenschaftlich-technischen Entwicklungen und Perspektiven als auch die gesellschaftlichen, ethischen, juristischen und theologischen Aspekte. All diese müssen gleichermaßen zusammenkommen, um ein Gesamtbild zu erhalten und um als Gesellschaft entscheiden zu können, welche Grenzen überschritten werden dürfen oder müssen und welche unangetastet bleiben sollten.

 

Programm:

Bio- und Gentechnik - Wie können sie das Leben beeinflussen?

Dienstag, 25. Januar 2022
Dr. Arne Claussen, Pfr. Matthias Leithe

Assistierter Selbstmord

Dienstag, 22. Februar 2022

Judith Kohlstruck, Hospizbewegung Ratingen

 

Geo-Engineering - können wir die Welt nach unseren Bedürfnissen verändern?

Dienstag, 22. März 2022

Dr. Arne Claussen, Pfr.i.R. Dieter Pohl

 

Das Weltbild der Kosmologie

Dienstag, 26. April 2022

Dr. Udo Siepmann, Walter-Hohmann-Sternwarte Essen

 

Die Veranstaltungen beginnen jeweils um 19:30 Uhr.

Aktueller Hinweis:

Der vierte Abend am 26. April wird aktuell in Präsenz geplant und findet im Gemeindezentrum der Versöhnungskirche statt.

Anmeldung  unter: gemeindeseminar[at]gmail.com der 02102-474771

(Bild: A. Claussen)